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Referenzobjekt für nachwachsende Rohstoffe

Stampflehm, Ziegenhaarteppiche und recyceltes Eichenholz sind nur einige der Naturbaumaterialien, die die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) e.V. bei ihrem Büroneubau im mecklenburgischen Gülzow verwendete. Zu dem von matrix architektur (Rostock) entworfenen Gebäude ist nun eine ausführliche Dokumentation beim FNR erschienen.

FNR/Michael Nast

Seit 1994 koordiniert die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) von ihrem Sitz im mecklenburgischen Herrenhaus Gülzow aus Forschungs-, Entwicklungs- und Demonstrationsprojekte im Bereich nachwachsender Rohstoffe und informiert Bürger und Unternehmen über deren Einsatzmöglichkeiten. Ins Leben gerufen wurde die Agentur seinerzeit vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Derzeit verwaltet sie jährlich rund 53 Millionen Euro Fördergelder innerhalb des Förderprogramms „Nachwachsende Rohstoffe“.

Unter anderem führt die FNR die „Fachberatung Bauen und Wohnen mit nachwachsenden Rohstoffen“ durch. Den Bauberatern dient der Neubau nun nicht nur als Arbeitsplatz, sondern auch als Referenzobjekt für das Bauen mit Naturbaustoffen in einem Gebäude der öffentlichen Hand. In dem in Holzrahmenbauweise errichteten Haus ist auf 923 m² Bruttogrundfläche (Hauptnutzfläche 533 m²) Platz für 31 Mitarbeiter.

Holzstapel auf Klinkersockel
Das Gebäude entstand an Stelle einer alten Kartoffel-Lagerhalle auf dem Areal des Herrenhauses Gülzow. Die gestalterische Leitidee der Architekten war ein zweigeschossiger Holzstapel auf einem massiven, gemauerten (und halb ins Erdreich eingegrabenen) Sockelgeschoss. De Fassadenverkleidung besteht aus recyceltem Eichenholz, das nur an den Nord- und Südfassaden glatt besäumt ist. Ost- und Westfassade haben dagegen eine lebhaft profilierte Struktur. In die horizontal gegliederte Fassade sind die Fenster als vertikale Schlitze eingeschnitten. Ihre Laibungen wurden mit grün eingefärbtem Glas eingefasst.

Das Sockelgeschoss wird zur Hälfte von Büros eingenommen, die andere (in den Hang eingegrabene) Hälfte enthält einen großen, fensterlosen Archivraum. Die beiden Obergeschosse sind dagegen komplett mit Büros (Einzel- und Doppelbüros sowie ein Großraumbüro) belegt.

Abgesehen von den Eichenholzbohlen an der Fassade kamen nachwachsende Rohstoffe auch im Inneren der Baukonstruktion sowie im Innenraum an vielen Stellen zum Einsatz: Die Holzrahmenwände sind mit Zellulose und Holzfaserdämmung gedämmt, die Geschossdecke zwischen erstem und zweitem Obergeschoss ist als Brettstapeldecke ausgeführt. Die Innenwände erhielten einen Lehmputz und sind mit Kaseinfarben gestrichen. Als Blickfang im Foyer dient eine Stampflehmwand, die auch als thermisches Speicherelement genutzt wird. Sie ist hierzu mit einem wasserdurchflossenen Rohrregister versehen, und kann dadurch – ähnlich wie dies sonst bei Stahlbetondecken üblich ist – thermisch aktiviert werden.

FNR/Michael Nast

Energiekonzept und Haustechnik
Der Dämmstandard der Gebäudehülle orientiert sich insgesamt an den Bauteilanforderungen des Passivhausstandards. So beträgt z.B. der U-Wert der Außenwände 0,15 W/m²K. Lediglich die Fenster erreichen „nur“ U-Werte von 1,1 W/m²K, da hier aus Kostengründen auf gedämmte Rahmen verzichtet wurde. Da das Gebäude im Blower-Door-Test jedoch eine ausgezeichnete Dichtigkeit erreichte (gemessen wurde eine Luftwechselrate n50 = 0,3 1/h), unterschreitet es die Anforderungen der EnEV 2009 dennoch um 50 Prozent.

Zur Beheizung dient nicht etwa Bioenergie, wie es bei der FNR als Bauherrn zu vermuten gewesen wäre. Vielmehr wurde eine Wasser/Wasser-Wärmepumpe installiert, die eine neben 196 m3 große Löschwasserzisterne neben dem Gebäude als Wärmereservoir nutzt. In diesen gigantischen Speichertank wiederum wird die Abwärme aus den Serverräumen eingespeist, die zu Spitzenlastzeiten durchaus 4 kW Leistung erbringen. Der Temperaturbereich des Wassers in der Zisterne soll sich den Berechnungen zufolge zwischen 0 und 20 °C bewegen.

Zur Verteilung der Wärmeenergie im Haus dient ein Rohrsystem, das sowohl in den Estrichen – vergleichbar einer konventionellen Fußbodenheizung – als auch in den massiven Speicherbauteilen des Foyers (Lehmwand und Klinkerfußboden) eingebaut ist. Das gleiche Rohrsystem dient im Sommer zur Kühlung der Räume.

Das dritte wichtige Element des Energiekonzepts ist die zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Im zentralen Lüftungsgerät ist ein Kreuz-Gegenstrom-Wärmetauscher mit einem Wirkungsgrad bis zu 93% Ferner wird die Zuluft über einen Erdwärmetauscher unterhalb des Gebäudes vortemperiert.

Mit diesen Maßnahmen erreicht der Neubau des FNR insgesamt einen Heizwärmebdarf von 34,6 kWh/m²a und einen Primärenergiebedarf von 56 kWh/m²a laut Energieausweis. Der Anforderungswert der EnEV liegt bei genau dem doppelten Wert, also 112 kWh/m²a.

FNR/Michael Nast

Was kostet nachhaltiges Bauen?
Mit Baukosten (Kgr. 1-7) von 1,983 Millionen Euro kostete das 31-Personen-Bürohaus weniger als so manches luxuriöse Einfamilienhaus. Interessant ist auch der Kostenvergleich der hier gewählten Lösungen mit einem Standardgebäude nach EnEV: Laut FNR fielen für die Verwendung nachwachsender Rohstoffe Mehrkosten von 62.000 Euro (4% der Bausumme) an. Dabei stellten sich vor allem die Fußbodenaufbauten (Brettstapeldecke, Estrichdämmung aus Holzfaserplatten, Bodenbelag aus Ziegenhaarteppich) als Kostenfaktor heraus. Die „energiebedingten“ Mehrkosten , also die Extra-Summe, die für die 50%ige Unterschreitung der EnEV aufgewendet werden musste, lagen immerhin bei 12 Prozent. Davon entfielen wiederum 5% auf die Baukonstruktion und immerhin 7% auf die Anlagentechnik. Haupt-Kostentreiber war hier eindeutig die zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, die rund das Siebenfache kostete als eine vergleichbare Lösung nach EnEV-Standard.

Eine ausführliche Informationsbroschüre zum FNR-Neubau ist bei der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe erschienen. Sie ist kostenlose zum Download verfügbar bei: www.fnr-server.de

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