Macht es einfach!

Andreas Hofer und Stefanie Weavers, © Sven Weber

Die Internationale Bauausstellung IBA’27 will wichtige Erneuerungs-Impulse in der Region Stuttgart setzen – und legt dabei den Schwerpunkt ausgerechnet auf das Bauen im Bestand und auf Kreislaufprozesse. IBA-Intendant Andreas Hofer und Projektleiterin Stefanie Weavers erläutern, wo hierzulande die Hindernisse beim kreislaufgerechten Bauen liegen und warum die Schweiz oftmals schon einen Schritt weiter ist. 

Das Gespräch ist Teil einer Interviewreihe, die in der Publikation „Zirkuläres Bauen in der Praxis“ der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart erschienen ist. In den kommenden Wochen veröffentlichen wir weitere Interviews aus der Reihe. 
 
Wie wird die Aufgabenstellung, Kreisläufe zu schließen, das Bauen verändern? 
Stefanie Weavers: Es wird eine radikale Veränderung geben. Es geht dabei nicht nur um die Digitalisierung im Bauen oder um die Etablierung von neuen Abläufen, sondern um die Änderung der inneren Haltung zum Bauen. Die Fragen, wie man unterschiedliche Gewerke und Firmen in einem Projekt zusammenbekommt, welche neuen Kooperationen und Geschäftsmodelle es braucht, werden ein komplett neues Verständnis von Bauen und vom Wert eines Gebäudes bewirken. 

Welche Problemstellungen gibt es aktuell beim zirkulären Bauen? 
Weavers: Es gibt nicht nur ein Umsetzungs-, sondern auch ein Wissensdefizit. Vor allem zur Bedeutung, den Inhalten und Chancen, die daraus entstehen können. Es gibt überhaupt keine Strukturen, auf die man zurückgreifen kann: Wer berät, wer schult, wo kann man sich informieren? Das gilt für die Planerinnen, die Bauherrschaft und die Firmen. Da braucht es unbedingt ein regionales Kompetenzzentrum. Ein anderes Thema ist der Dschungel an Regularien und Gesetzen, der das zirkuläre Bauen und den Umgang mit dem Bestand nicht unbedingt fördert. 

IBA’27-Projekt Hangweide im Remstal bei Stuttgart, © die arge lola, Kai Loges und Andreas Langen 

Wie unterscheiden sich unsere Rahmenbedingungen von denen in der Schweiz?  
Andreas Hofer: Es ist verblüffend, dass die gesetzlichen Regelungen gar nicht so unterschiedlich sind. Was mir aber auffällt ist, dass wir sie in der Schweiz ein bisschen weniger ernst nehmen. Meine Hypothese ist, dass aus der Bauindustrie von gewissen Lobbyverbänden die Märkte gesichert werden, indem sie das verbieten oder in den Normen einfließen lassen, sodass einem alle möglichen Knüppel zwischen die Beine gelegt werden.
 
Können Sie das an einem Beispiel festmachen? 
Hofer: Recyclingbeton ist seit 20 Jahren, und ich meine wirklich Recyclingbeton, nicht nur 10 % zugemischt, sondern 80, 90 %, völliger Standard. In der Stadt Zürich ist das sogar vorgeschrieben. Und dann gibt’s aber noch das Persönliche. Leute, wie die vom Baubüro in situ, machen das einfach. Vielleicht ist es auch der Vorteil eines kleineren Landes: Die Wege zur ETH, der Forschung, den Unternehmen sind sehr kurz und es gibt Spielräume und Nischen mit engagierten Bauträgerschaften, die eine gewisse Lust am Experiment haben.  

Der Impuls kommt in der Schweiz also auch von den Projektentwicklern?  
Hofer: Es gibt eine große Szene von nachhaltigkeitsverpflichteten Projektentwicklern. Das nehme ich so in Deutschland überhaupt nicht wahr. Pensionskassen, die Stiftung Abendrot, Edith Maryon, aber auch private Investoren, die das ernst meinen und nicht nur Green-Washing betreiben, sondern sich Sorgen machen über die Entwicklung des Immobilienmarktes. Schlussendlich beschäftigen sie sich auch aus geschäftlichen Gründen damit. 

Weavers: In Deutschland, aber vor allem hier in der Region, gibt es ein extremes Sicherheitsdenken und eine Angst vor Neuem, die uns bei allen Themen auf die Füße fällt. Und, was Andreas Hofer am Beispiel Recyclingbeton angesprochen hat: Es gibt so viele gute Beispiele aus Nachbarländern mit ähnlichen politischen Strukturen, die gut funktionieren. Warum kann man diese bei uns nicht adaptieren? Wieso müssen wir bei null anfangen und diese Diskussionen immer wieder führen?  

IBA’27-Projekt Böblingen BBG Postareal, © Guenter E. Bergmann 

Haben Sie auch eine Antwort auf die Frage? Woran liegt es, dass es bei uns nicht klappt? 
Weavers: Ich würde behaupten, dass der Druck und die Probleme bei uns noch nicht groß genug sind. Klar, sieht jeder in den Nachrichten, was in der Welt passiert, aber wir bekommen unsere Materialien ja immer noch. Es gibt keinen Grund akut etwas zu verändern – außer, man möchte dies aus freier Überzeugung tun. Aber das ist leider noch eine sehr kleine Minderheit.
 
Ist denn die Not in der Schweiz wirklich so viel größer als in Deutschland?   
Hofer: Die Preissteigerungswellen, die es hier gerade gibt, hatten wir 20 Jahre früher und die Bodenpreise sind auch schon sehr viel länger sehr hoch. Das tönt jetzt vielleicht ein bisschen frech, aber ich stelle hier wirklich eine unglaubliche Inkompetenz zum Beispiel im bauökonomischen Bereich fest. Wenn man die Leute fragt, weshalb das so teuer ist, was sie machen, dann sagen sie, das ist Wurst, wir können es ja verkaufen. 

Welche Rolle spielt Digitalität beim zirkulären Bauen? 
Weavers: Die Digitalisierung von Prozessen spielt eine riesige Rolle, um eine Grundlage und eine digitale Infrastruktur aufzubauen, die auch in den weiteren Planungsprozessen unterstützt und alle Aspekte miteinander vernetzt. Es wird digitale Materialpässe geben, aus denen man Informationen ablesen kann, BIM wird im Planen und Bauen immer mehr aufkommen. Es muss ein EU-weites digitales System gefunden werden, um zirkuläres Bauen zu fördern. 
Hofer: Allerdings gibt es noch keine Antwort auf die Frage, wie und ob man in 200 Jahren mit unseren digitalen Daten von heute umgehen kann.  

IBA’27-Projekt Böblingen BBG Postareal, © Guenter E. Bergmann 

Inwiefern beschäftigen sich die IBA’27-Projekte mit zirkulärem Bauen? 
Weavers: Wir als IBA‘27 haben einen Kriterienkatalog entwickelt, der grundsätzlich für alle Projekte gilt, die wir aufnehmen. Danach verständigt man sich auf die Kriterien, die in den einzelnen Projekten auch Sinn ergeben und weiterverfolgt werden. Das sind Kriterien aus den verschiedensten Bereichen und das Schließen von Stoffkreisläufen, darunter Zirkuläres Bauen, ist eines davon.
 
Hofer: Die IBA’27 ist in dem Sinne keine Neubau-IBA, weil wir versuchen, überall Flächen-Recycling zu machen. Wir haben fast keine Projekte auf der grünen Wiese oder Neubaugebiete. Wir haben es immer mit Bestand zu tun, häufig aber mit einem solchen, der zur IBA kommt, weil man ihn nicht mehr nutzen kann. Vor allem im genossenschaftlichen Kontext, Siedlungen aus den 1920er- und 1940er-Jahren, kommt man mit Zirkulärem Bauen nicht weit. Ich glaube, das Thema bekommt eine Bedeutung bei den Gebäuden ab den 1960er-Jahren mit den massiven Betonstrukturen. Man könnte kritisch sagen, dass wir relativ viel abreißen, das hat aber damit zu tun, dass zu uns Projekte kommen, bei denen Hopfen und Malz verloren und der Erneuerungsbedarf gewaltig ist. 

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen, damit zirkuläres Bauen zum Standard wird? 
Hofer: Im Moment versuchen wir im Bauen und bei der Energie über Förderung, Gesetze, Normen und Regeln das Gute zu erzwingen. Sowas ist immer ganz mühsam. Eigentlich müssten wir an einen Punkt kommen, an dem wir keine DGNB und keine Vorschriften mehr brauchen, weil das Haus wieder eine Qualität wie vor Jahrhunderten hat. Meine Utopie ist, die Bauökonomie komplett auf den Kopf zu stellen. Wenn wir beginnen, Werte einzulagern, dann werden die Herstellungskosten völlig irrelevant. 
Eine Bank würde dann nicht nur Geld horten, sondern sie könnte zum Beispiel auch Lebensräume zur Verfügung stellen. Wenn alles auf Werthaltigkeit ausgelegt ist, dann könnten Häuser sehr wertvoll sein. Im Moment ist das ja ein Konflikt. Ich will günstigen Wohnraum anbieten, also muss das Haus möglichst günstig sein. 

Andreas Hofer ist Intendant und Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA’27) in Stuttgart.
Stefanie Weavers leitet im Rahmen der IBA’27 ein Pilotprojekt zum zirkulären Bauen, das vom Umweltministerium Baden-Württemberg gefördert wird. 


Das komplette Interview wurde zuerst veröffentlicht in der Publikation „Zirkuläres Bauen in der Praxis“ 
Verfasser/-innen:  
Markus Weismann, asp Architekten 
Marcus Herget, Marcus Herget Beratungsunternehmen 
Nadine Funck, asp Architekten 
Raphael Dietz, asp Architekten 


Auftraggeberin: Wirtschaftsförderung Region Stuttgart
Die Publikation untersucht, inwieweit zirkuläres Bauen bereits am Markt angekommen ist, welche Potenziale sich dadurch ergeben und wie diese besser ausgeschöpft werden können. Die 15 Experteninterviews zeigen dabei die unterschiedlichen Perspektiven aus Wirtschaft, Politik, Architektur, Wissenschaft und Bauherrinnen auf.  
Download: Zirkuläres Bauen in der Praxis

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