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Forschung & Entwicklung

Research | Forschung & Entwicklung

BIM, BAM, BOOM: das building-smart-Forum in Berlin

Sie ist flexibel, ein echtes Teamwork-Talent und Netzwerken ist ihre größte Stärke: BIM heißt die Neue in der Bauplanung, die Abkürzung steht für Building Information Modelling, und sie bezeichnet die Kooperation verschiedener Planer eines Gebäudes mittels eines dreidimensionalen Computermodells. Doch trotz all ihrer positiven Eigenschaften hat die Neue hierzulande noch mit viel Skepsis und Vorbehalten kämpfen. Der Verein building smart mit seinem Vorsitzenden Siggi Wernik (Léon Wohlhage Wernik, Berlin) will das ändern. Er hat am 6. November 2012 einen Kongress in Berlin durchgeführt, der die Vorteile von BIM allen Beteiligten anschaulich vor Augen führte. Die drängenden Fragen dazu – beispielsweise nach einer realistischen Einführbarkeit des Modells in die kleinteilige deutsche Architektenlandschaft und die Honorierung der damit verbundenen zusätzlichen Investitionskosten – wurden ebenfalls zur Diskussion gestellt.

Tristram Carfrae, Arup Group, mit einem Foto des Water Cube für die Olympischen Spiele in Peking

Die Idee von BIM ist so einfach wie verlockend: Anhand eines dreidimensionalen Datenmodells, in das sämtliche relevanten Daten aller beteiligten Planer und Gewerke eingespeist werden – von der Architektur über die Statik und Haustechnik bis zur Fachplanung wie beispielsweise der Lichttechnik – kann der Bauprozess minuziös bereits vor dem eigentlichen Baubeginn simuliert werden. Alle Abstimmungsprobleme, die sich traditionell häufig erst im Verlauf des Bauprozesses ergeben, werden bereits in der Planungsphase erkannt und anhand des 3D-Modells gelöst. Besser noch: Anhand des Datenmodells kann schon in der Konzeptionsphase der Entwurf dahingehend optimiert werden, dass statische oder sonstige technische Probleme vermieden und im besten Fall sogar nachhaltigere Lösungen gefunden werden. Vor allem aber führt die im Rahmen von BIM durchgeführte Parametrisierung der einzelnen Bauteile zu einem höheren Vorfertigungsgrad der Bauelemente bis hin zum „Bausatz“, damit zu deren einfacherer Montage und letztlich zu einer hohen Zeit- und Kostenersparnis auf der Baustelle. Soweit die Theorie.

Wolf Mangelsdorf von Buro Happold

Brian Wait von Atelier Jean Nouvel

Die Referenten des building-smart-Forums, das in der Akademie der Künste in Berlin unter der kompetenten und unterhaltsamen Moderation von BDA-Geschäftsführer Thomas Welter tagte, trugen zu dieser Theorie eine Reihe von Praxisbeispielen zusammen: Wolf Mangelsdorf vom Buro Happold nutzt BIM bereits seit langem, eindrücklich schilderte er die gelungene Zusammenarbeit mittels BIM zum Beispiel bei einem Bürohaus nach dem Entwurf von Ron Arad in Großbritannien. Interessant war hier, dass die BIM-Technologie auch die relativ einfache Berechnung der „grauen Energie“ des geplanten Gebäudes erlaubte – und damit sogar den Gestaltungsprozess nachhaltig beeinflusste. So entschied man sich für den Einbau von Stahl- statt Aluminiumelementen, um so ein paar Tausend Tonnen CO2 zu sparen. Auch die Aussicht, eine geometrisch recht komplexe Halle dank Parametrisierung letztlich von vier Arbeitern auf der Baustelle zusammensetzen zu lassen, stimmte optimistisch. Für Happold hätten sich die Investitionskosten von BIM längst amortisiert, dem höheren Zeit- und Kostenaufwand in der Planungsphase stünde eine große Zeit- und Kostenersparnis während der Zeit des Bauens gegenüber, so Mangelsdorf.

Fabian Scheurer von Design-to-Production

Wolf Mangelsdorf von Buro Happold

Die Vorteile von BIM – vor allem im Rahmen der Realisierung komplexer geometrischer Formen – machten auch die weiteren Referenten deutlich: Für Florian Scheurer von design-to-production, Brian Wait (Atelier Jean Nouvel) und Tobias Nolte (Gehry Technologies) gibt es keine Alternative zum 3D-Modelling. Geometrisch anspruchsvolle Projekte wie die mehrfach gekrümmte Dachkonstruktion des Konzerthauses im norwegischen Kristiansand (ALA Architects/ design-to-production) oder die auf kristallinen Strukturen beruhende Form des Nationalmuseums in Quatar (Nouvel/Gehry Technologies) seien ohne solche Computermodelle heute nicht mehr wirtschaftlich durchführbar. Die Frage, ob die Anwendung von BIM auch bei kleineren, individuellen Bauten sinnvoll sei, konnte letztlich nicht abschließend beantwortet werden, da aus diesem Bereich in der vorliegenden Zusammensetzung zu wenig Erfahrungswerte vorlagen, auch wenn Wolf Mangeldorf vom Buro Happold die Frage bejahte.

building-smart-Forum in der Akademie der Künste in Berlin

Diskussionsrunde mit Irja Wichert (Exalead), Fabian Scheurer, Vanessa Prassé (KSP Architekten), Thomas Welter, Matthias Hartmann (Meyer Werft), Siggi wernik, Wolf Mangelsdorf

Interessant war im Rahmen der abschließenden Diskussion die Thematik, dass Großbritannien bei seiner Bauplanung offensichtlich ganz andere Wege geht als beispielsweise Deutschland: Während in Großbritannien die Anwendung von BIM bei allen öffentlichen Bauprojekten demnächst Vorschrift wird, ist hierzulande eine solche Vorgabe nicht geplant. Bedenkenswert schien in diesem Zusammenhang fast allen Diskutierenden auch die spezielle Situation der kleinteiligen Bürolandschaft von Architekten in Deutschland: Es stelle sich durchaus die Frage, ob sich die Einführung von BIM für das klassische deutsche Architekturbüro mit 1-5 Mitarbeitern tatsächlich lohne. Mit einer Ausnahme: Siggi Wernik als Vorsitzender von building smart ist überzeugt, dass die Einführung von BIM auch in die deutsche Bauordnung alternativlos sei. Und damit nicht genug: Wenn building smart die Normierung von BIM über die klassischen Zertifizierungen wie DIN und ISO erst erreicht haben wird, geht es für Wernik weiter mit BAM – Building Assembly Modelling für die Bauphase – und BOOM – Building operational and organisational Modelling für die Betriebsphase des Gebäudes. Und bis dahin ist BIM ohnehin längst eine alte Bekannte.

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