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Architektur

Ohne Gebrüll: die Goldenen Löwen auf der Architekturbiennale 2012

Fotos von Iwan Baan zum Projekt "Torre David"

Ein besetztes Hochhaus in Caracas und eine Sammlung Notunterkünfte in einer vom Tsunami weggespülten Gegend in Japan: Das sind die Gewinner der Goldenen Löwen der Venedig-Biennale 2012. Die Gruppe Urban Think Tank (Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner) mit Justin McGuirk und Iwan Baan erhielt den Goldenen Löwen im Rahmen der Ausstellung Common Ground für ihre Arbeit zu dem von obdachlosen Menschen – vielen Familien – besetzten Hochhaus in Caracas mit dem symbolischen Namen Torre David. Ein Stück davon brachten sie nach Venedig mit: ein provisorisches Café mitten im Arsenale. Der Japanische Pavillon, in dem Kurator Toyo Ito ein Wiederaufbau-Projekt für die vom Tsunami betroffene Region Rikuzentakata zeigte, erhielt den Goldenen Löwen als bester nationaler Beitrag. Die Jury hob damit jene Beiträge hervor, in denen Architektur als soziale Kultur praktiziert wird. In der Vergabe der weiteren Löwen zeigte sich ein Querschnitt durch die verschiedenen Interpretationen des Themas Common Ground, die auf dieser Biennale präsent waren.

Das Café im Arsenale und der Torre David in Caracas (Fotos: Iwan Baan)

Der Torre David ist eine Bauruine in Caracas, ein in den neunziger Jahren als Bankgebäude Torre Confinanzas geplantes und dann verlassenes 45-geschossiges Hochhaus, in das vor rund fünf Jahren und bis heute insgesamt an die dreitausend Menschen eingezogen sind. Dabei ist der Turm eben gerade kein Slum, sondern eine wohlorganisierte Gemeinschaft, die sich mit Hilfe der evangelischen Kirche selbst verwaltet: Hier gibt es auch Läden und kleine Restaurants; die zunächst mit Karton ausgebauten Wohnungen werden sukzessive wohnlich gemacht. Urban Think Tank erforschte diese vertikale Stadt und brachte ein „Stück“ davon nach Venedig mit: Ein lebendiges Café mitten im Arsenale, mit Fernsehern in den Ecken und Fotos des Torre an den rau gemauerten Wänden, ein Ort, an dem man sich zum essen oder trinken trifft, und um miteinander zu reden. Die Jury würdigte den Beitrag als „inspirierendes Modell, das die Kraft informeller Gemeinschaften anerkennt“.

Im Japanischen Pavillon ist die Ausstellung Architecture possible here? – Home for all zu sehen: Sie zeigt ein Gemeinschaftsprojekt von Toyo Ito mit den Architekten Kumiko Inui, Sou Fujimoto und Skihisa Hirata sowie den Bewohnern der Region Rikuzentakata, die im März 2011 nach dem Tsunami ihre Häuser verloren. In der Ausstellung gehen großformatige Fotos der Gegend vor, direkt nach der Katastrophe und während des Wiederaufbau-Prozesses einen Dialog mit den unzähligen kleinen Modellen der Häuser ein, die im Rahmen des Wiederaufbau-Programms Home-for-All entwickelt wurden.

Der Beitrag von Grafton Architects für einen Campus in Lima mit Bezügen zu Mendes da Rocha

Mit dem Silbernen Löwen für ein „vielversprechendes Büro“ wurden die Irinnen Grafton Architects (Yvonne Farrell und Shelley McNamara) ausgezeichnet. Sie konnten die Jury mit ihrer Präsentation eines Wettbewerbsgewinns für einen Universitätscampus’ in Lima überzeugen, bei dem sie sich in vielfältigen Studien mit dem Werk von Paulo Mendes da Rocha und dessen Beziehungen zwischen Landschaft und Architektur auseinandergesetzt hatten. Wichtigste Referenz war für sie das Fußballstadion von Mendes da Rocha im brasilianischen Goiâna, das sie zu der Idee einer Universität als „Lernarena“ inspirierte.

Polnischer Pavillon auf der Biennale

Daneben vergab die Jury vier Besondere Erwähnungen: Der polnische Pavillon (gestaltet von Katarzyna Krakowiak, Kurator Michal Libera) erhielt eine für die Installation Making the Walls quake as if they were dilating with the secret Knowledge of great Powers. Im polnischen Pavillon werden die Sinne während der Biennale auf die Probe gestellt: Boden und Wände sind schräg, ein irritierendes Brummen und Vibrieren kommt aus den Wänden, der Raum ist in warmweißes Licht getaucht – nichts ist wie es scheint. „Die mutige Installation erinnert den Besucher daran, genauso gut hinzuhören wie hinzuschauen... Und den Klang des Common Ground zu hören.“, urteilte die Jury.

"Copycat" von Cino Zucchi im Arsenale

Cino Zucchi erhielt ebenfalls eine Besondere Erwähnung für seinen Beitrag Copycat, in dem er mit Hilfe unterschiedlicher Sammlungen einen eigenen Kosmos von Gemeinsamkeiten kreiert: Alltagsgegenstände wie Chapati-Rollen stehen neben Vitrinen von Fassadenfotos (Giovanna Silva), winzigen Kriegsschiffen, Souvenir-Miniaturen, Insekten und Arbeits-Modellen oder den Dress-Code-Studien des Künstler-Duos Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek. „Eine exemplarische Erinnerung an das übergreifendende Thema Common Ground,“ so die Jury.

i-city mit QR-Code-Kuppel im russischen Pavillon

Auch der russiche Pavillon (kuratiert von Sergei Tchoban) wurde mit einer Besonderen Erwähnung gewürdigt: „i-city / i-land“ heißt die atemberaubende Doppel-Installation in Unter- und Obergeschoss des Pavillons. Während unten die Vergangenheit anonymer beziehungsweise versteckter Forschungsstädte unter dem Sowjetregime vorgeführt wird, feiert Russland in einer QR-Code-Kuppel oben digitale Technik und die neue Forschungsstadt Skolkovo Innovation Center. Die Jury fühlte sich „angezogen von dieser magischen Mystik-Tour und betört von ihrer visuellen Präsentation“.

Mit der Auszeichnung des US-amerikanischen Beitrags Spontaneous Interventions: Design Actions for the Common Good ging wieder eine Besondere Erwähnung an ein soziales beziehungsweise partizipatorisches Projekt: Die „interaktive Installation“ beeindruckte die Jury, da sie die „Kraft des Individuums feiere, die Gesellschaft mit kleinen aber effizienten Mitteln zu verändern.“ Besondere Freude empfand das Preisgericht diesmal angesichts der „unprätentiösen Präsentation“ – man kann die Dokumentationen der Projekte an einfachen Jalousien herabziehen, um sie zu studieren.

Pavillon von Álvaro Siza auf der Biennale 2012

Last but not least: Wie bereits im Vorfeld bekannt gegeben, erhielt Álvaro Siza Viera den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Er konnte ihn krankheitsbedingt allerdings nicht persönlich auf der Biennale entgegen nehmen. (Cordula Vielhauer)

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