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Entmündigung des Architekten: Meinhard von Gerkan über Großprojekte

Was hätte es für einen passenderen Ort geben können für einen Vortrag zum Thema „internationale Großprojekte“ von Meinhard von Gerkan, als den Flughafen Tegel in Berlin? Das Erstlingswerk von gmp, dessen kluge Struktur mit seinen kurzen Wegen ihn zu einem der beliebtesten Flughäfen überhaupt macht, zeigte sich am Sonntag im Rahmen des Frühjahrsempfangs des BDA Berlin von seiner besten Seite: Bei strahlendem Sonnenschein wurden zunächst die neuen BDA-Mitglieder – darunter auch gmp-Mitarbeiter – vorgestellt und begrüßt. Nach einem Hinweis auf den Stand der Diskussion zum Thema „Großprojekte“ – der BDA hatte dazu Mitte März 2013 ein Positionspapier veröffentlicht, das Bundesministerium BMVBS plant die Einrichtung eines Expertengremiums „Großprojekte“ (bisher allerdings noch ohne Beteiligung des BDA) – ging es los:

Flughafen Berlin-Tegel, Entwurf: gmp

Städte, Bahnhöfe, Flughäfen, Kulturzentren, Sportstadien: Das sind grob umrissen die Großprojekte, denen sich Meinhard von Gerkan gemeinsam mit seinem Büro stellt. Weltweit, aber nicht überall. Für die Scheichs im Nahen Osten, in Dubai oder Katar, mit ihrem „erdrückenden Angeberbedürfnis“, so Gerkan wörtlich, habe er nichts übrig. Zwei Projekten von gmp, die dort gescheitert sind, trauere er nicht nach. In seinem offenen und lebendigen Vortrag, der jedoch auch mit Polemiken – wie jener zu Katar – garniert war, stellte Gerkan jedoch nicht nur die Projekte selbst vor. Es ging auch um die Bedingungen, unter denen sie entstehen. Anschließend bezog er zu verschiedenen architekturpolitischen Fragen Stellung.

Meinhard von Gerkan, Foto: Timmo Schneider

Berlin-Hauptbahnhof, Entwurf: Meinhard von Gerkan und Jürgen Hillmer, Foto: Marcus Bredt

Nichts wollte er zum Großflughafen Berlin-Schönefeld BER sagen, für dessen Architektur gmp verantwortlich zeichnet, und als dessen Architekt Gerkan jetzt wieder in Vertragsverhandlungen steht, nachdem ihm dieser im vergangenen Jahr gekündigt worden war. Aber auf die Bedingungen, denen er bei ähnlichen Projekten in Deutschland ausgesetzt ist, ging er sehr wohl ein. So schilderte er nicht nur das Glück, das er und sein Partner Volkwin Marg als Gewinner eines anonymen Wettbewerbs mit dem Flughafen Tegel hatten: Für dessen Planung legte die Lufthansa in den siebziger Jahren Wert auf kurze Wege und Reisefreundlichkeit. Heute befördert TXL statt der ursprünglich geplanten 2,5 Millionen Passagiere jährlich 17,5 Millionen. Er stellt dieser positiven Erfahrung auch jene negative beim Flughafen in Hamburg gegenüber (1986 ebenfalls als 1. Preis aus einem Wettbewerbsverfahren hervorgegangen): Hier wurde das Büro vom Bauunternehmer Hochtief quasi genötigt, den aus drei Hallen bestehenden Entwurf so umzuplanen, dass heute nicht nur die mittlere Halle als eine einzige große Shopping-Mall gestaltet ist; die Wegeführung innerhalb des Flughafens musste zudem so umgelegt werden, dass nun jeder Passagier gezwungen ist, diese Mall bei der An- oder Abreise zu durchqueren.

Chinesisches Nationalmuseum Peking, Entwurf: Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz mit Stephan Rewolle, Foto: Christian Gahl

Der Berliner Hauptbahnhof ist immer noch das Projekt, dessen Zustand ihn am meisten verärgert. Dabei ist es nicht allein der halbfertige Zustand der Gleisüberdachung trotz vorhandener Bauelemente („no comment“), nicht allein der Umstand, dass der größte Bahnhof Deutschlands auf einem Umland steht, an dessen Bebauungsplan von O.M. Ungers sich niemand halte und das auch nur mühsam in den Stadtraum hineinwachse. Er vergleicht den Hauptbahnhof auch mit einem ebenfalls von gmp geplanten, doppelt so großen Bahnhof im chinesischen Tianjin, der nach etwas mehr als zwei Jahren Planungs- und Bauzeit fertig gestellt wurde – in Berlin waren es 14 Jahre.

Chinesisches Nationalmuseum Peking, Entwurf: Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz mit Stephan Rewolle, Foto: Christian Gahl

Überhaupt konstatiert Gerkan seinen asiatischen Bauherren in fast allen Bereichen, selbst und gerade im Gewerbebau, ein weitaus höheres Qualitätsniveau als in Deutschland: Architektur sei dort noch Ausdruck der eigenen Identität, die sich sehen lassen will und kann. Die Beispiele, die Gerkan dazu zeigt, sprechen für sich. Bezeichnend für das Vertrauen, das ein Architekt – oder zumindest er – dort genießt, ist auch eine Auftragssituation im vietnamesischen Hanoi, wo er für das Parlament und das nationale Konferenzzentrum vier Entwürfe vorstellen sollte, die von 20 vietnamesischen Architekturprofessoren beurteilt wurden. Da sich die 20 nicht auf einen Gestaltungsvorschlag einigen konnten, ließ der Bauherr am Ende Gerkan selbst bestimmen, welchen Entwurf er bauen wollte.

Hanoi Nationalmuseum, Entwurf: Meinhard von Gerkan und Nikolaus Goetze mit Klaus Lenz, Foto: Marcus Bredt

Auch wenn Gerkan manche Details zu einzelnen Bauprozessen nicht kennt, stammen viele Handzeichnungen für die Projekte bis vor einer Weile noch von ihm. Inzwischen führen die gmp-Projektleiter ihre Entwürfe vom Wettbewerb bis zur Realisierung selbst durch. Und er hält nicht hinter den Berg, dass viele Bauentscheidungen in China letztlich auch dem Feng-Shui geschuldet seien: „China ist quergestreift!“ sagt er und meint, dass alle Zeilenbauten dort in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet sind – ohne jeglichen Bezug zur Umgebung. Diese Feng-Shui-Regel korrespondiert nicht immer mit seinen städtebaulichen Planungen, weshalb manche Gebäude dann „wie abgeschnitten“ wirken. Das schmerzt ihn sichtlich, aber gegen diese quasi-religiösen Regeln ist er ebenso machtlos wie gegenüber der Sturheit, mit der sich seine Auftraggeber an bestimmte „Bilder“ klammern: Die vom Bürgermeister gewünschte „Akropolissituation“ der Messe in Nanning ist so ein Beispiel, für dessen Realisierung ein Berg abgetragen werden musste. Zudem hielt der Bürgermeister trotz mannigfaltiger anderer Vorschläge am ersten Entwurf Gerkans für die Messe fest, der nun einmal genau so aussieht wie das „Tempodrom“ in Berlin. Das eine (Tempodrom) ist zwar eine Stahlbetonkonstruktion, das andere eine Membrankonstruktion (Nanning), Gerkan gab in seinem Vortrag jedoch offen zu, dass er einfach nicht damit gerechnet hatte, beide Projekte realisieren zu können.

Hanoi Nationalmuseum, Entwurf: Meinhard von Gerkan und Nikolaus Goetze mit Klaus Lenz, Foto: Marcus Bredt

Die große suggestive Wirkung, die von den gmp-Bildern ausgeht, ist eben genau das, was in China gut ankommt. Schließlich muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass die chinesische Kultur von Bildern lebt, selbst die Schriftsprache besteht aus Bildern – es gibt keine Grammatik. Diese Information über China äußerte einst (in einem ganz anderen Zusammenhang) der dort ebenfalls erfolgreiche Architekt Gunter Henn. Insofern sind es häufig nicht allein konzeptionelle, städtebauliche oder logische Argumente, mit denen ein Architekt in China einen Bauherren überzeugen kann. Es sind vor allem schöne Bilder. Wenn diese sich dazu noch einer universellen Symbolik bedienen, wie Gerkan dies beispielsweise mit seiner Stadtplanung für Tianjin (Tropfen im Wasser) getan hat, ist der Erfolg nicht weit.

Maritim-Museum in Lingang New City, China, Entwurf: gmp, Foto: Hans-Georg Esch

Wie es um die Bedingungen bestellt ist, unter denen in diesen Ländern gebaut wird, schildert Gerkan ebenfalls: Die Membran-Kuppel für die Messe in Nanning wurde ohne jeden Kran errichtet – wie das ging, ist für ihn selbst ein Rätsel. Und da ist das chinesische Ehepaar, das gemeinsam und mit einem einfachen Handspaten bis zu vierzig Meter tiefe Löcher für die Pfähle gräbt, auf denen ein Kulturzentrum nach seinen Plänen errichtet werden soll. An einer Handkurbel lässt die Frau ihren Mann hinunter und zieht die Eimer mit der Erde wieder hoch. Man weiß nicht, ob Gerkan diese Situation berührt, oder ob ihn eher die Technik interessiert. Anders ist es bei den Funktionären in der Ukraine, für die er ein Sportstadion baut, und in deren Taschen das Eineinhalbfache des Betrags verschwindet, den das Gebäude kostet. Das empört ihn, aber er sagt auch: „Andere Länder, andere Sitten.“

Messezentrum Nanning, Entwurf: Meinhard von Gerkan und Nikolaus Goetze, Foto: Jan Siefke

Und dann ist da noch Deutschland, das Land, in dem er groß geworden ist. Die hier inzwischen herrschende Bürokratie empfindet er als  „Entmündigung des Architekten“, bei jedem Projekt gebe es einen „Projektsteuerer, der fürs Protokoll schreiben genau so viel Geld bekommt, wie der Architekt“, viele Bauvorschriften und Normen seien „sich selbst erfüllende Zahlenwerke“. Zustimmender Beifall – kein Wunder, fast jeder Architekt des BDA erlebt genau das gleiche – auch und gerade bei öffentlichen Bauaufträgen. Eike Becker stellt die Frage, ob trotz allem unsere Demokratie und unsere Diskussionskultur nicht auch ein hohes Hab und Gut seien, auf das man stolz sein könne. „Doch,“ stimmt Gerkan zu. Was ihm an China gefallen würde? Die Entscheidungsfreude, der Kooperationswille und der Mut würden das Bauen dort einfach leichter machen. Und „Geld verdienen kann man dort auch“, da man sehr viel Zeit sparen würde, die hier durch „Bürokratie und Palaver“ vergeudet würde. Deshalb ist es auch Mut, den er jungen Architekten mitgeben will, als er auf die obligatorische Abschlussfrage dazu antwortet: „Mensch, versucht es doch einfach!“

(Cordula Vielhauer)

Weitere Informationen:
zum Positionspapier (PDF) des BDA-Bundesverbandes zu Großprojekten: www.bda-bund.de

zur "Reformkommission Bau von Großprojekten" des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung BMVBS: www.bmvbs.de

zur Meldung von Deutschlandradio über die Projektsteuerung des BBR: www.dradio.de

zur Website von gmp Architekten: www.gmp-architekten.de

Lingang New City, China, Städtebau, Entwurf: Meinhard von Gerkan, Foto: Heiner Leiska

Lingang New City, China, Städtebau, Entwurf: Meinhard von Gerkan, Foto: Hans-Georg Esch

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