Parallaktischer Lichtfänger: Villa von UNStudio
Eine zentrale, großzügig geschwungene Treppenskulptur bestimmt die Wegeführung in der neuen Villa von UNStudio. Die innere Organisation der Räume orientiert sich am Lauf der Sonne und reagiert unmittelbar auf die hügelige Landschaft der Stuttgarter Weinberge.
Architekten: UNStudio, Amsterdam
Ort: Stuttgart, Deutschland
Als "Parallaxe" bezeichnet man die scheinbare Änderung der Position eines Objektes, wenn der Beobachter seine eigene Position verschiebt. Wenn nun Ben van Berkel seinem Entwurf für eine Villa an der Nahstelle zwischen Stadt und Weinberg die Fähigkeit zuschreibt, eine "parallaktische" Erfahrung zu erzeugen, kommt als Referenz sofort eines seiner frühen Projekte ins Spiel. Im Möbius Haus, entstanden zwischen 1993 und 1998, werden Raumprogramm, Bewegungslinien und Struktur nahtlos miteinander verbunden. Der von unterschiedlichen Bedürfnissen geprägte immer wiederkehrende Tagesablauf einer Familie findet seine Entsprechung in einer Schleifenstruktur in der Anfang und Ende nicht mehr als räumliche Bezugspunkte gelten und sich die Wahrnehmung ständig neu justieren muss.
Die Verknüpfung von Struktur, Raum, Zeit und Bewegung ist auch zentrales Motiv im vor ein paar Monaten fertig gestellten „Haus am Weinberg“. Ausgangspunkt für die räumliche Konzeption des Gebäudes waren hier in erster Linie eine topografisch exponierte Lage und der Wunsch sich am 24-Stunden-Zyklus der Sonne zu orientieren.
Um möglichst viel Licht ins Gebäude zu holen wurde die tragende Betonkonstruktion auf ein Minimum reduziert. Die Geschoßdecken und die Dachebene werden von nur vier Elementen, dem Aufzugskern, zwei Stützen und einer inneren Säule getragen. Dies ermöglicht es die Ecken frei zu stellen und zur Umgebung hin zu öffnen. Die großzügig verglasten Fassaden lassen das Tageslicht weit ins Haus hinein. Die Materialwahl im Inneren verstärkt die helle und luftige Atmosphäre der Villa: Jura-Marmor, heller Eichenboden und weiß gespachtelte Putzwände, in die kleine reflektierende Steinchen eingelassen sind.
Zentrales Element im Innenraum ist eine großzügig geschwungene Treppe. Sie schafft eine fließende Verbindung aller Räume und Ebenen und sorgt durch mehrfache Richtungsänderung für Dynamik. Es entsteht ein räumliches Kontinuum wechselnder Perspektiven das die Umgebung allseitig einbezieht und in permanente Bewegung versetzt.
"Für mich ist dieses Treppenhaus eine Art Twist. Es befördert nicht nur Menschen nach oben, sondern es pflanzt sich an diesem Twist der gesamte Raum fort, erst in den ersten, dann weiter hinauf in den zweiten Stock. Es ist wie eine künstlich geschaffene Landschaft, die mit der natürlichen Landschaft da draußen sanft zusammenfließt" (Zitat Ben van Berkel)
Das Volumen und die Dachlinie des Hauses reagieren auf die hügelige Landschaft des Standortes. Die Diagonalen des Grundrisses sollen diese Form wiederspiegeln und auch in der Landschaftsarchitektur des Gartens fortführen.
Peter Popp / Emilia Margaretha
Weitere Fotos in der Bildergalerie
Grundstücksfläche: 1.280 m2
Nutzfläche: 618 m2
Umbauter Raum: 2.839 m3
Baubeginn: 2010
Fertigstellung: Ende 2011
Gewicht Stahlkonstruktion: 100 t
Tragwerksplanung: B+G Ingenieure Bollinger und Grohmann, Frankfurt
Landschaftsarchitektur: Atelier Dreiseitl GmbH, Überlingen
Lichtplanung: ag licht GbR, Bonn
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