Projekte

Solarkleid in Schwarz

Äußerlich ist die Gebäudehülle des neuen Sulfurcell-Firmensitzes in Berlin (Entwurf: krehl.girke architekten, Konstanz) nicht von anderen vorgehängten Glasfassaden zu unterscheiden. Verwendet wurden hier jedoch stromerzeugende Dünnschicht-Photovoltaikmodule – ein Pilotprojekt, das derzeit noch einer Zulassung im Einzelfall bedurfte. Künftig könnten die gläsernen „Maßanzüge“ mit Stromanschluss in Neubauten jedoch weite Verbreitung finden.

Sulfurcell, Berlin, krehl.girke
Foto: Frank Peters, Berlin

Die Firma Sulfurcell Solartechnik GmbH produziert PV-Dünnschichtmodule. Was lag daher näher, als diese beim Entwurf des neuen Verwaltungsbaus mit angeschlossener Produktionshalle in Berlin als Fassadenverkleidung zu verwenden? Gemeinsam mit dem Fassadenbauunternehmen Goldbeck-Bau entwickelten die für den Neubau verantwortlichen Architekten krehl.girke aus Konstanz ein Fassadensystem, das die Detaillösungen hinterlüfteter Blechkassetten-Fassaden, von der alleine in Deutschland im Verwaltungs- und Gewerbebau pro Jahr mehr als hunderttausend Quadratmeter realisiert werden, nutzt und für den Einsatzzweck neu interpretiert. Auf einen gekanteten Blechrahmen werden die rahmenlosen PV-Module aufgeklebt und lediglich durch zwei unterseitig angebrachte Laschen gegen „Abrutschen“ gesichert. Alle An- und Abschlüsse sind so ausgebildet, dass ein flächenbündiges und homogenes Erscheinungsbild entsteht. Für das Fassadensystem wurde eine Zulassung im Einzelfall für Berlin erteilt.
Sulfurcell, Berlin, krehl.girke
Foto: Frank Peters, Berlin

Am Sulfurcell-Verwaltungsbau wurden die 1,25 x 0,65 m großen Module wie eine Netzstruktur über den Gebäudekörper gelegt. Horizontal angeordnete Holzelemente setzen dabei zusätzliche Akzente. Der viergeschossige Baukörper mit Außenmaßen von rund 46 x 13.50m ist über zwei zweigeschossige Verbindungsbaukörper an die Halle angeschlossen. Die oberen beiden Geschosse sind gegenüber den Sockelgeschossen verschoben, wodurch sich auf der einen Seite ein überdachter Eingangsbereich ergibt und gegenüber eine Terrassen- und Balkonfläche entsteht. Aus optischenGründen sind alle Fassaden mit Photovoltaik-Elementen bestückt, wobei die notwendigen Passfelder und die Innenhofbereiche nicht elektrisch angeschlossen sind.

Sulfurcell, Berlin, krehl.girke
Foto: Frank Peters, Berlin

Bei den Hallenfassaden beschränkten sich die Architekten darauf, in unregelmäßigen Abständen verschieden große Gruppen von PV-Elementen gleich einem Strichcode auf der Fassade zu verteilen. Hierbei kontrastieren die glänzend schwarzen PV-Elemente mit der anthrazitfarbenen Blechfassade aus horizontal verlegten Wellprofilen. Die Fertigungshalle mit ca. 100m x 150m besteht aus einer Stahltragkonstruktion, basierend auf einem Achsmaß von 6.25m. Ihre Dachkonstruktion ist als Trapezblechdach mit Foliendeckung ausgeführt und statisch für die Auflagerung von PV-Elementen ausgelegt. In Zusammenarbeit mit der englischen Firma Solarcentury wurde hier ein direkt auf dem Foliendach aufgelagertes Befestigungssystem entwickelt.

Konstruktives Vorbild für die Solarfassaden sind klassische Blechkassetten-Fassaden, bei denen gekantete Blechkassetten mittels Agraffen in eine vorbereitete Unterkonstruktion eingehängt werden. Die rahmenlosen Module wurden mit Silikonkleber auf einen handbreiten, gekanteten und farbig eloxierten Blechrahmen geklebt. Die Klebung mit einer Dicke von 8 mm entspricht der europäischen Norm ETAG 002. Lediglich auf der Unterseite der Module müssen die Glasscheiben mit Hilfe von zwei Blechlaschen gegen Abrutschen gesichert werden, da das alleinige Kleben mit Silikon in Deutschland (noch) nicht genehmigungsfähig ist. Die Kassetten sind so gekantet, dass Wasser nicht in die Dämmungs- und Hinterlüftungsebene eindringen kann, sondern in Kassettenebene kontrolliert abgeleitet wird.

Durch die mehrteilige Unterkonstruktion, die an der tragenden Gebäudewand befestigt wird,  kann das System jegliche Veränderung der bauphysikalischen Parameter wie Dämmungsdicke und Hinterlüftungsquerschnitt aufnehmen und sogar unebene Untergründe wie bei Sanierungen können ausgeglichen werden.

Gebäudeintegrierte PV-Elemente sind bisher nicht in der Bauregelliste des Deutschen Instituts für Bautechnik aufgelistet und besitzen keine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung. Dies bedeutet, dass für den Einsatz der Elemente in der Fassade in Deutschland eine „Zulassung im Einzelfall“ benötigt wird, die projektbezogen im entsprechenden Bundesland beantragt werden muss. Bei entsprechender Vorbereitung der Unterlagen ist diese Zustimmung jedoch innerhalb eines Zeitraumes zwischen vier und acht Wochen möglich.

Für den Einsatz der rahmenlosen, d.h. nicht mechanisch gegen Windsog gehaltenen Konstruktion mussten neben der oben beschriebenen Klebung, die durch eine entsprechende Spezialfirma ausgeführt wurde, statische Berechnungen für das Glas und die Blechrahmenkonstruktion sowie spezielle Nachweise wie Biegefestigkeitsuntersuchungen und Haftzugsversuche am Verbundglas mit EVA-Folie durchgeführt werden. Die Alterung der Verbundscheibe muss im Abstand von 5 Jahren kontrolliert werden.

Zur Homepage der Architekten:
www.krehlgirke.de


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Detail, 10.02.2012