

Frauenkirche Dresden, Stadtschloss Berlin und bald Palast der Republik?
Kaum ein Architektur Thema wird so emotional aufgeladen diskutiert wie das der Rekonstruktion. Die Lager sind gespalten, die Rollen verteilt zwischen eifrigen Befürwortern und strikten Gegnern. Die Debatte wird zum Glaubenskampf, quasi zur Gretchenfrage: »Sag Architekt, wie hält du es mit der Religion der Moderne?« Dass sich nicht nur alle Generationen, sondern auch prominente zeitgenössische Vertreter dieser Moderne auch als Konstrukteure der der Geschichte betätigt haben ist nur ein Aspekt der Diskussion. Längst überfällig ist daher die Ausstellung im Architekturmuseum München.
Die Sammlung an internationalen Beispielen durch alle Epochen ist so umfassend, dass sämtliche Ausstellungsräume des Architekturmuseums gefüllt werden konnten. Die einzelnen Abteilungen sind nach 10 unterschiedlichen Motiven für die Rekonstruktion geordnet. Beginnend mit »Rekonstruktion am heiligen Ort« und »Rekonstruktion aus nationalen, politischen und dynastischen Gründen« bis zu »Rekonstruktion und die Ehrlichkeit der Moderne«.

Bei »Archäologischen Rekonstruktionen« sind nur noch die Fundamente oder deren Spuren erhalten. Berühmte Beispiele sind die Pfahlbauten in Unteruldingen am Bodensee oder die Stoa des Attalos, die in Athen die Agora unterhalb der Akropolis rahmt.

In Phasen der Antikenbegeisterung wird in regelmäßigen Zeitabständen das Rom der Kaiserzeit zum prädestinierten Beispiel der Rekonstruktion einer ganzen Stadt. Die Medien dieser Rekonstruktionsversuche orientieren sich an der jeweiligen Technologie. Handelte es sich zunächst um zweidimensionale Ölgemälde, folgten 360°-Panoramen, die sämtliche Wände von eigens errichteten Ausstellungsräumen bekleiden bis hin zur perfektionistischen Filmkulisse im Maßstab 1:1 in den berühmten Hollywoodklassikern.

Zur Rekonstruktion aus nationalen, politischen und dynastischen gründen, gehört auch der Wiederaufbau von Burgen wie der Hochkönigsburg, der Wartburg oder der Stadt Carcasonne. Oft dienten Literaturhinweise oder Zeichnungen als vage Vorbilder.

Ein berühmtes Beispiel ist die Rekonstruktion des weltberühmten Theaters La Fenice in Venedig von Aldo Rossi. Obwohl Rossi selbst ein berühmter Architekt war, hat er die Rekonstruktion einem Neubau nach eingenen Entwürfen vorgezogen.


Der kleine Ort Monte Carasso hat es durch die Eingriffe und Revitalisierungsarbeiten von Luigi Snozzi in den 1980-er Jahren in der Architektenszene zu Weltruhm gebracht. Als Festredner der Ausstellungseröffnung hat es Snozzi verstanden die Zuhörer mit der ironisch süffissanten Darstellung der Entstehungsgeschichte zu begeistern. Schließlich wollte er sich – der von der Moderne geprägt ist – aber nicht als »Rekonstruktionsarchitekt« vereinnahmen lassen: »Rekonstruktion interessiert mich eigentlich nicht, mich interessiert der Raum und die Struktur und Kontinuität einer Stadt als Organismus.« Vielleicht ist gerade deshalb seine Rekonstruktion des ehemaligen Klosters ist so geglückt.

Alvaro Siza, hochdekorierter Pritzker-Preisträger hat sich mit der Rekonstruktion eines ganzen Stadtviertels hervorgetan. Beim Wiederaufbau der Innenstadt von Lissabon nach dem verheerenden Brand war sein Hauptanliegen die Lebensqualität der Bevölkerung zu verbessern: »Die Frage der Fassaden war mir nicht wichtig«.

Die Ausstellung zeigt Beispiele aus dem Islamischen Kulturkreis wie aus dem Asiatischen.


Beispiel aus Nepal. Einer der Faszinierendsten Beiträge ist ein Film über den rituellen Wiederaufbau des Ise-Schreins in Japan. Alle 20 Jahre wird dort seit dem 7. Jahrhundert nach strengem Protokoll neben dem alten Gebäude ein Neubau nach traditionellen Regeln errichtet. So hat sich das Wissen und die Technologie der alten Holzbauweise bis heute erhalten. Bezeichnend ist das unterschiedliche Verhältnis in Sachen Denkmalschutz zwischen der westlichen und der östlichen Kultur. Während bei uns die materielle Erhaltung den höchsten Stellenwert geniest, sielt die materielle Originalsubstanz in Asien überhaupt keine rolle. Dort kommt es auf den Erhalt der Ideen und der lebendigen Traditionen an.


»Rekonstruktion für Freizeit und Konsum« nennen die Kuratoren einen Bereich, der für die aktuelle Debatte zwar wichtig ist, aber in der Ausstellung einen zu großen und mit den ausgewählten teils belanglosen Projekten am Ende der Ausstellung zu prominenten Teil einnimmt.
Wie unverhältnismäßig das Volumen-Verhältnis und das Niveau der Architektur zwischen rekonstruierter Fassade (links) und angedocktem Einkaufs-Center (rechts) sein kann, zeigt anschaulich das Modell des Braunschweiger Schlosses.


Auch bei dem Kaufhaus in Mainz von Massimiliano Fuksas kann man über das Zusammenspiel von Rekonstruierter Front (links) und angebautem Neubau (rechts) trefflich streiten.

Fotos: Frank Kaltenbach
Den Abschluss bildet schließlich »Rekonstruktion und die Ehrklichkeit der Moderne«. Die Neubau-Interpretation der Paulinerkirche in Leipzig von Erik van Egeraat ist bestimmt ein Beitrag , der die Emotionen hochkochen lässt. Hier hätte man sich dann doch ein Modell des Berliner Stadtschlosses und des Neuen Museums von David Chipperfield gewünscht. Und ganz objektiv bleiben die Kuratoren dann doch nicht.
Immerhin bemühen sie ein Zitat vom Doyen der Moderne Rem Koolhaas aus dem Jahr 2004 als Abschlussplädoyer für die Rekonstruktion:
»Die Architekten waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht fähig, über die Vergangenheit konstruktiv nachzudenken. Wir waren dagegen, weil ein moderner Architekt einfach nicht für die Idee der Rekonstruktion sein kann. In Wahrheit aber hatten wir oft nichts Besseres zu bieten als das, was eine Rekonstruktion leistet.«
Welche Position Koolhaas zur Rekonstruktion heute einnimmt, wird ihn die Detailredaktion bei nächster Gelegenheit persönlich fragen. Bei der Architekturbiennale 2010 in Venedig wird er mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Der Titel einer seiner 7 Ausstellungen dort lautet immerhin »Preservations«!
Empfohlen sei neben der Ausstellung und dem 500 Seiten starken Katalog auch das Rahmenprogramm unter anderem mit der frisch gebackenen Pritzker-Preiträgerin und Kuratorin der Architektur Biennale Venedig 2010: Kazuyo Sejima.
Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte
22.07.2010 - 31.10.2010
Pinakothek der Moderne
www.architekturmuseum.de
Do 23.09.2010
Konstruktion und Rekonstruktion historischer Kontinuität
Vortrag: Professor Dr.-Ing. Winfried Nerdinger
Do, Fr. 14.-15.10.2010
Internationales Architektursymposium
Veranstalter: Architekturmusem der TU München
und 3M futureLAB by UCLA (University of California, Los Angeles), Prof. Peter Ebner
Vortragende (unter anderem):
Kazuyo Sejima - SANAA, Tokio
Farshid Moussavi - FOA (Foreign Office Architects), London
Eduard François, Paris
Kauhiro Kojima, Tokio
Do. 21.10.2010
Rekonstruktion – Die zweite Chance, oder: Architektur aus dem Archiv
Vortrag Professor Dr. Aleida Assmann
Frank Kaltenbach











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